Berlinrundgänge mit Walter Kreipe
 

Was erzählen uns Berlins Mauern?

Als der Soldatenkönig, Vater Friedrichs des Großen, 1734 die Zoll- oder Akzisemauer um die größer gewordenen Residenzstadt Berlin errichtete, ging es ihm vor allem darum, die damalige Mehrwertsteuer, Akzise genannt, zu erheben und Soldaten am Desertieren zu hindern. Aus diesem Grunde wurde die Spree nachts im Westen am Unterbaum mit Baumstämmen verrammelt, und zwar dort, wo sich heute hinter dem Reichstagsgebäude die Kronprinzenbrücke des spanischen Architekten Calatrava befindet. Dasselbe geschah am Oberbaum im Südosten, wo die Spree die alte Residenzstadt betrat und heute die Oberbaumbrücke den Ost – West - Bezirk Kreuzberg - Friedrichshain verklammert . Die Brücke sieht aus wie ein mittelalterliches Stadttor. Sie ist unsere Tower-Bridge!

Berlin innerhalb der Zollmauer von 1734

„Die Spree betritt Berlin wie ein Schwan und verlässt Berlin wie ein Schwein,“ urteilte Friedrich Rückert im Jahre 1850. Das hat sich heute geändert. Aber fürs Baden, z.B. gegenüber dem neuen Hauptbahnhof am „Unterbaum“, ist es wohl noch etwas zu früh. Dafür können Sie dort auf dem Uferrasen sonnenbaden und einen Cocktail zu sich nehmen. Wer aber unbedingt in der Spree baden gehen will, tut das am besten auf dem Badeschiff, das an der Oberbaumbrücke vor Anker liegt. Dort und auf der Kronprinzenbrücke werden wir die Spree bei unserer Standard-Stadtrundfahrt überqueren. Sie werden dann alle eine Kopie der hier ins Internet gestellten Stadtpläne in Händen halten, damit Sie wissen, wo Sie sich, stadtgeschichtlich gesehen, befinden.
Von den 1734 vorhandenen 14 Stadttoren existiert heute leider nur noch das Brandenburger Tor in der klassizistischen Fassung des Architekten Carl Gotthard Langhans aus dem Jahre 1791. Die Akzisemauer von 1734 wurde in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis auf einen kleinen Rest in der Hannoverschen Straße Nr. 9 abgerissen. Aber auf unserer Stadtrundfahrt werden Sie bemerken, dass zumindest einige U-Bahnhöfe in Kreuzberg an die alte Stadtmauer erinnern: Hallesches Tor, Kottbusser Tor, Schlesisches Tor.

Als der Preußenkönig Wilhelm 1871 im Spiegelsaal zu Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen worden war, musste ein Bauplatz für den Reichstag, das Parlament des neuen Deutschen Kaiserreichs, gefunden werden. Die Suche zog sich jahrelang hin. Kaiser Wilhelm I. wollte auf keinen Fall eine Volksvertretung in der alten Residenzstadt dulden, in Sichtweite des Stadtschlosses! So wurde das Gebäude des Architekten Paul Wallot - wir werden es auf unserm Rundgang „Zentren der alten und der neuen Macht“ in Augenschein nehmen - erst ab 1884 errichtet, und zwar nordwestlich des Brandenburger Tores vor der Trasse der damals freilich schon abgerissenen Akzisemauer.


Die Zollmauer von 1734 zwischen Brandenburger Tor ( oben ) und Spree
( Foto: Albert Schwartz, 1865, Landesarchiv Berlin )


Die doppelte Kopfsteinpflasterreihe, die uns bei unserem Rundgang „Vom Potsdamer Platz zum Spreeufer“ beim Suchen hilft, markiert nicht nur den Verlauf der Mauer von 1961, sondern kurioserweise weitgehend auch den der Mauer von 1734! Zwischen Spreeufer und Potsdamer Platz war die alte Zollmauer mit der Grenze des Bezirks Mitte identisch. Nach dem 2. Weltkrieg wurde dort die Demarkationslinie zwischen Ost und West gezogen, die Berliner Mauer von 1961 gebaut. So verdanken wir es im Grunde genommen dem störrischen ersten Wilhelm, dass das vom Krieg schwer mitgenommene Reichstagsgebäude 28 Jahre lang in der westlichen Freiheit liegen durfte, fünf Meter westlich der Berliner Mauer.

Bei unserer Stadtrundfahrt und dem Rundgang „Auf den Spuren der Franzosen durch Berlins Mitte“ kommen wir durch die früher selbständigen Städte Friedrichstadt und Friedrichswerder, wir gelangen auch auf die Museumsinsel, das ehemalige Cölln. Dort wird das alte Stadtschloss der Hohenzollern in rund zehn Jahren wieder präsent sein, in seinem alten Grundriss mit drei rekonstruierten Barockfassaden.
Der alte Stadtname Cölln erinnert an Kölner Kaufleute, die sich um 1200 an der Spree niedergelassen hatten. Auf dem Plan, der das Berlin von 1734 zeigt, erkennt man deutlich einen sternförmigen Wassergraben, im 19. Jahrhundert zugeschüttet Er umspülte die barocke Festungsanlage mit 13 Bastionen. Seit 1683 umgab sie Alt-Berlin, Cölln, Friedrichswerder und Neukölln am Wasser .

Ausschnitt mit der Erweiterung der Friedrichstadt aus dem Plan der königlichen Residenz von Johann David Schleuen, um 1740 – hier heißt der Gendarmenmarkt noch Mittel Markt (Stiftung Preussische Schlösser und Gärten )


Auf dem um 1740 gezeichneten Prospekt von Johann David Schleuen ist die westliche Akzisemauer deutlich erkennbar. Der Leipziger Platz heißt noch Achteck, auch Oktogon genannt. Nach 1814 wird das Quarré Pariser Platz heißen.
Ehe Hofbaumeister Johann Gregor Memhardt die barocke Stadtbefestigung errichtete, fertigte er um 1650 den ältesten Grundriss der Doppelstadt Berlin-Cölln an.



Ältester Grundriss von Berlin und Cölln, angefertigt von Johann Gregor Memhard, Kupferstich,gedruckt 1652 in Frankfurt a. M. Der kurfürstliche Ingenieur zeichnet jedes Beet  im Lustgarten, jeden Baum der Lindenallee - unten links. (Stiftung Stadtmuseum Berlin)


Im unteren Teil ist die 1647 vom Großen Kurfürsten gepflanzte Lindenallee zu erkennen. Davor die Hundebrücke, die spätere Schossbrücke. Zwei Inseln bilden Friedrichswerder. Unterhalb davon, mit einer kleinen 1 versehen, der „Lange Stall“, das kurfürstliche Reithaus. Um 1700 wird es, durch eine Mauer geteilt, eine französische Hugenottenkirche und eine deutsche Kirche beherbergen. Hier wird Karl Friedrich Schinkel 1824 die neugotische Friedrichwerdersche Kirche errichten. Auf dem Rundgang „Franzosen in Berlins Mitte“ werden wir Friedrichswerder durchqueren und uns diese erste Backsteinkirche seit dem Mittelalter genauer anschauen.
Memhardts Plan zeigt die mittelalterliche Stadtmauer. Von ihr ist noch viel weniger übrig geblieben als von der Berliner Mauer von 1961: ein kleines Stück hinter dem traditionellen Eisbein-Restaurant "Zur letzten Instanz“, dicht beim äußerst sehenswerten U-Bahnhof Klosterstraße. Machen Sie sich hinter dem Parochialkirchhof auf die Suche! Im oberen Teil der Memhardt-Karte wird die Klosterkirche – heute restaurierte Ruine- durch ein K markiert.

Unter Friedrich dem Großen , also nicht einmal einhundert Jahre später, wurde die memhardtsche Stadtbefestigung schon wieder abgetragen, unter Aufsicht des damaligen Stadtkommandanten Hans Christian Friedrich Graf von Hacke, an den heute die Hackeschen Höfe erinnern und der Hackeche Markt mit dem gleichnamigen S-Bahnhof. In der Spandauer Vorstadt. Durch sie führt unsere Tour „Rund um den Hackeschen Markt“. Hier sorgte von Hacke für Ordnung auf dem Glacis vor der geschleiften Festung.

Bei unserm Stadtrundfahrt-Ausstieg am Gendarmenmarkt und dem Rundgang „Franzosen in Berlins Mitte“ besuchen wir die Ausstellung „Wiederaufbau des Schlosses“ (www.berliner-schloss.de) am Hausvoigteiplatz. Dieser liegt auf der ehemaligen Bastion III der Festung Memhardts (auf Schleuens Prospekt trägt er ein großes „C“). Früher nannten ihn die Berliner seiner Form wegen „Schinkenplatz“, vor dem 2. Weltkrieg Zentrum des Berliner Konfektionsviertels mit seinen großen jüdischen Modehäusern.
In der Mohrenstraße spazieren wir vor dem Bundesjustizministerium durch die Kolonnaden die Carl Gotthard Langhans , der Erbauer des Brandenburger Tores, 1787 errichtet hat. Sie standen einmal auf einer Brücke, die hier zwischen der Friedrichstadt und der Stadt Friedrichswerder den alten Festungsgraben überspannte.
Und noch einmal schlägt uns die Geschichte ein Schnippchen: Just an dieser Stelle , wo sich einst die Festungsmauer von 1683 erhob, wo der mit Entenflott bedeckte Festungsgraben mehr stand und stank als floss, wurde das Schicksal der Mauer von 1961 besiegelt!
In einem Teil des heutigen Justizministeriums, dem „Haus Stern“, befand sich das Internationale Pressezentrum der DDR. Dort wurde am Abend des 9.November 1989 Günter Schabowski, Sprecher des Politbüros der SED, während einer Pressekonferenz - live im Fernsehen übertragen - von Journalisten gefragt , ab wann die neue Ausreiseregelung gelten solle. Schabowski zog den berühmten Zettel aus der Tasche, schaute kurz drauf und verkündete stotternd , was er erst am nächsten Tag hätte tun dürfen: „Wenn ich richtig informiert bin, dann gilt diese Regelung unmittelbar.“ Damit setzte er in Ostberlin eine menschliche Lawine in Gang, die sich unaufhaltsam auf die Grenzübergänge zubewegte.. Der Name Schabowski wird in die Weltgeschichte eingehen!



Ulrich Schröder, "Die Reisefreiheit" ( Foto: Constantin Meyer, Köln )

Der Saal der Pressekonferenz in der Mohrenstraße 36 ist nicht mehr vorhanden, aber durch ein heute verglastes Eingangsportal schauen wir in dessen Richtung. Wir blicken auf Stuhlreihen, die gänzlich leer auf einer schiefen Ebene stehen. Sie sind Bestandteile von Ulrich Schröders Installation „Die Verkündung der Reisefreiheit“ aus dem Jahre 2000.

Der Künstler erläutert sein Werk:

„(...) Der Boden der alten Ordnung kommt aus dem Gleichgewicht, die in Reih‘ und Glied stehende Bestuhlung als Sinnbild dieser Ordnung gerät jeden Moment ins Kippen.
Am Horizont taucht ein neues Bild der Zukunft auf, es zeigt auf einem Plasmabildschirm eine Videosequenz von gegen das Land (gegen den Betrachter) flutenden Wellen, es steht als Synonym für Veränderung und Weite, Freiheit und Offenheit, für Möglichkeiten im Gestalten einer neuen Zukunft, aber auch für die bloße Sehnsucht nach Sinnlichkeit.“ (www.bmj.bund.de/reise)


Mehr Information:

Arnt Cobbers, Kleine Berlin-Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Jaron Verlag, Berlin 2005 (auch erhältlich in der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin, An der Urania 4 –10 / Ecke Kurfürstenstraße, 10787 Berlin - Schöneberg, www.landeszentrale-politische-bildung.de )

Christian Härtel unter Mitarbeit des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz, Berlin. Eine kleine Ge-
schichte, be.bra verlag, Berlin-Brandenburg (mit vielen alten Photos, auch erhältlich in der Landeszentrale für politische Bildung Berlin, s.o. )

Ingo Materna, Wolfgang Ribbe, Geschichte in Daten. Berlin, Fourier Verlag, Wiesbaden 2003
( auch erhältlich in der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin s.o. )

„Die Verkündung der Reisefreiheit“ eine Installation von Ulrich Schröder im Bundesministerium
für Justiz in Berlin . Herausgeber: der Broschüre: Bundesministerium der Justiz, Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, 11015 Berlin, www.bmj.bund.de